Denkanstöße zur Transformation der Partei

Veröffentlicht am 27.07.2019 in Partei

Ja, die Umfragewerte der SPD sind im Keller. In den vergangenen Jahren hat sich die SPD immer wieder damit befasst, was zu diesem stetigen Bedeutungsverlust der Partei beigetragen hat. Aber nicht das Suchen nach parteiinternen Differenzen bringt uns weiter, sondern das Finden des gemeinsamen Nenners für alle in der Partei.  Mit diesem Beitrag möchten wir uns auf die Schutzfaktoren konzentrieren, die zur Unterstützung der Heilung der Partei beitragen (Salutogenese).

Der aus Medizin und Therapie stammende Begriff der Salutogenese betrachtet das, was gesund macht, was die Fähigkeit stärkt, Krisen zu bewältigen. Hierbei stehen Kohärenz und Ressourcen im Zentrum. Kohärenz bedeutet ein Gefühl der Stimmigkeit und Zusammengehörigkeit: Probleme sind verstehbar, man kann sie handhaben und alles, was geschieht, ergibt (irgendwie) einen Sinn. Ressourcen sind Tankstellen, an denen wir „Kraftstoff“ beziehen, der uns stärkt für die Widrigkeiten des Lebens – und der Politik. Wenn durch diese Ressourcen die Widerstandskraft gestärkt werden kann, spricht man von Resilienz, die weiterer Schwächung entgegenwirkt.

Wenn die Ressourcen durch Warnhinweise und Grenzen aus der Pathogenese ergänzt werden, ergibt sich ein sehr interessanter Fahrplan zu mehr Gesundheit. Der Blick darauf lohnt sich, denn auch gesamtgesellschaftlich geht es nicht ohne solche Ressourcen. Hier eine Auswahl:

  1. Probleme müssen wahrgenommen und klar benannt werden – aber man soll sich dabei am Gedanken der Kohärenz orientieren: Was baut uns auf, was verbindet uns miteinander (Beispiel: Klärung der Rolle von Minderheiten in der Gesellschaft, von deren Schutz und der Gewährleistung von Kommunikations-Plattformen).
  2. Ziele und Vorstellungen sollen attraktiv und positiv formuliert werden, dabei aber auch Grenzen setzen (Beispiel: Meinungsfreiheit vs. aktives Vorgehen gegen Hasspropaganda im Netz).
  3. Bei gesellschaftlichen Problemstellungen aktiv nach vorhandenen Ressourcen suchen, dabei aber Defizite klar benennen (Beispiel: Kommunikation und Diskurs verschiedener gesellschaftlicher Gruppen ermöglichen, insbes. auf lokaler Ebene; Einsatz einfacher Sprache, Mehrsprachigkeit).
  4. Wertschätzung auch der Gegner, sich aber gleichzeitig über eigene Normen im Klaren sein (Beispiel: Diskussionen über Sterbehilfe, Abtreibung oder rund um das Embryonenschutzgesetz nicht weltanschaulich aufgeladen, sondern von gegenseitiger Wertschätzung getragen, so dass eine möglichst ganzheitliche Auseinandersetzung mit diesen Themen möglich wird und die Möglichkeit zum Querdenken besteht).
  5. Klarheit darüber, dass sich alle Systeme (Gesellschaften, unser Globus) wie Menschen ständig weiterentwickeln: Das Chaos ist Teil des Systems, aber Chaos kann auch produktiv und kreativ sein und ermöglicht Selbstregulation, Selbstheilung und neue Wege. Diese Sichtweise befreit nicht grundsätzlich von Ängsten – aber ein wenig Zutrauen und Angstfreiheit würde uns allen gut tun. (Beispiel Trump: auch heftige Eingriffe ins System führen nicht zum Weltuntergang, sondern mobilisieren kreative Antworten).

Die genannten Grundsätze lassen sich mühelos vereinbaren mit der „Guten Botschaft“ des Neuen Testamentes. Christliche Grundwerte beinhalten nicht, dass man den Gegner kreuzigt, verlangen aber auch nicht „zu Kreuze zu kriechen“. Wir sind unserem Gewissen und Gott verpflichtet. In der Nachfolge Jesu leben wir im Wissen um und in der Hoffnung auf die Auferstehung; das sollte Mut machen zum permanenten Neubeginn.

Es gibt zwar auch andere weltanschauliche Sichtweisen neben der christlichen, aber die Fürsorge um die Schöpfung ist auch diesen gemeinsam. In der Nachfolge Jesu zu leben heißt radikal zu sein, allerdings im besten Sinne: „radix“ ist übersetzt „die Wurzel“. Wenn es der SPD gelingen sollte, ressourcenorientiert und wertschätzend wieder zu den Wurzeln zurückzufinden, wird sie feststellen, dass man auch die guten Geschichten erzählen darf; nämlich die von Hoffnung und Neubeginn statt von Spaltung und Schuldzuweisung, und dass die Themen für eine gute sozialdemokratische Politik auf der Straße liegen. Man muss sie nur sehen.

Ulrike Blatter/ Stephan Fischer, Juni 2019

 

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