Wolfgang Thierse am 16.7.2013 in Schwetzingen

Veröffentlicht am 18.07.2013 in Reden/Artikel

Wolfgang Thierse im Palais Hirsch/Schwetzingen

Wolfgang Thierse sprach auf Einladung des AK und des BT-Kandidaten Daniel Born zum Thema Gesellschaft und Religion – und welche Rolle spielt der Staat? Er stellte seinem Referat ein Zitat von Alexis de Tocqueville voran: „Despotismus kommt ohne Religion aus, die Freiheit nicht“.

Der Zeitgeist sei leider von säkularen Vorurteilen bestimmt, obwohl sich etwa 70% der Bundesbürger zu einer Religionsgemeinschaft bekennen. In Bezug auf den Islam gebe es leider zwei Sichtweisen, wobei oft nur die zweite betont werde: Einerseits die Wahrnehmung des friedlichen, unauffälligen und auch angepassten muslimischen Nachbarn, andererseits das, was wir in den Nachrichten über IslamISTEN hören. Deutschland sei nicht säkularer, sondern pluraler geworden, was eine erhebliche Herausforderung für Toleranz erfordere, die der vielmals für seine Verdienste für die Gesellschaft geehrte Politiker allerdings oft vermisst. Toleranz sei nämlich nicht Gleichgültigkeit, sondern das Einstehen für die eigenen Wahrheiten und das Anerkennen der Wahrheiten des Anderen. Zur Beurteilung der Religionsfreiheit und ob der Staat beispielsweise entscheiden dürfe, ob Beschneidung nicht zur Religionsfreiheit gehören dürfe oder ob nicht auch kulturelle Werte ihre Berechtigung haben, nennt der in der DDR aufgewachsene Kulturwissenschaftler fünf Punkte:

  • 1. In der DDR hatte sich der Staat angemaßt zu entscheiden, was die richtige Lebensauffassung sei; Religion sollte bestenfalls Privatsache sein. Er konnte aber nicht verhindern, dass eine Minderheit von Christen die Überwindung der Diktatur erreichte. Der freiheitliche Staat dagegen ist neutral und verdrängt sie nicht aus dem öffentlichen Leben, wie es zum Beispiel Laizisten fordern. Die Möglichkeit, auch weltlich zu wirken, sei eine Aufforderung gerade auch für Christen, über religiöse und kulturelle Unterschiede hinaus an der Gesellschaft mitzuwirken.
  • 2. Die Forderung der Laizisten nach der Verbannung von Religion aus dem öffentlichen Leben war in der DDR verwirklicht. Für den Zusammenhalt einer pluralistischen, in sich widersprüchlichen Gesellschaft reichten aber gemeinsame Sprache, Recht, Verfassung, Wirtschaftssystem nicht aus, es brauche vielmehr auch Maßstäbe, Werte und Normen. Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, würdevolles Leben, Respekt und Toleranz als das ethische Fundament einer gelingenden Demokratie müssten jedoch vorgelebt werden. Zitat Thierse: „Der freiheitliche Staat lebt von Voraussetzungen, die er nicht selbst garantieren kann“.
  • 3. Was in der DDR im Sozialbereich staatlich angeboten wurde, sei nicht alles besser gewesen als das, was Kirchen und freie Träger heute leisten. Der freiheitliche Staat kann und will nicht alles selbst machen, sondern überlässt Aufgaben den Bürgern, Vereinigungen und Verbänden. Er braucht Subsidiarität auch im Sozialbereich, und die Vielfalt der sozialen Träger sei ein Gewinn für Staat und Kirchen. Weil die vielfältigen Aufgaben in der Gesellschaft ohne die Kirchen nicht zu erledigen wären, treibt der Staat auch für die Kirchen Steuern ein. Die Alternative zu Kirchen wäre die Privatwirtschaft, deren Interessen nur kommerziell sind.
  • 4. Die christliche, jüdische und muslimische Religion ist „nicht nur das Glauben an ein paar Sätze“, sondern sie beinhalten jeweils einen Aufruf zur Nachfolge, um gutes gesellschaftliches Leben zu ermöglichen. Deswegen sei jede Religion auch politisch und nicht nur der „moralische Kitt“ der Gesellschaft. Sie sei zwar Privatsache, aber Diakonie, Fürsorge und Wohltätigkeit gehören zum Wesen aller Religionsgemeinschaften. Somit ist Religion immer ein Einmischen in Fragen des Zusammenlebens.
  • 5. Die Religionen entziehen sich dem Dienst an der Gesellschaft nicht und erfüllen diesen Dienst. Die Gesellschaft lebt nicht vom legitimen Recht auf die Vertretung der eigenen Interessen, sondern vor allem vom Engagement und von der Motivation ihrer Bürgerinnen und Bürger, für das Gemeinwohl etwas zu tun. Dass immer mehr Menschen den Kirchen den Rücken zuwenden, sei jedoch kein Kirchen-eigenes Phänomen. In der ICH-Gesellschaft kämpfen damit auch Gewerkschaften und Parteien, Vereine und Initiativen. Auch zweifelt Thierse, ob Kirche früher eine größere Akzeptanz gehabt hätte als heute.

Der langjährige Bundestagspräsident kommt zum Schluss, dass der Religion in der Gesellschaft eine unersetzliche Funktion zukomme: „Der Rechtsstaat wäre dumm, auf dieses Potential zu verzichten“. Insbesondere die Bibel biete einen unübersehbaren Maßstab, bei dem es um die Würde JEDES Menschen geht, ohne Unterscheidung in Arbeitskraft oder Konsument. „Sie orientiert sich nicht an Leistung, sondern kümmert sich um Minderheiten. Sie ist gegen die Entmoralisierung der Gesellschaft und gegen die Dominanz des Ökonomischen. Wirtschaft und Politik sind nicht heilig, sondern haben eine dienende Funktion für das Wohl des Menschen.“ Dass Politik nicht für alles zuständig sei, gebe ihr erst ihre Würde und befreie Religion vom Missbrauch der Macht. Das Ja zur Religion sei ein Ja zur Freiheit des Anderen. Stephan Fischer