Hoffnung auf Regelung der Finanzmärkte und ökologisches Wachstum

Veröffentlicht am 05.08.2014 in Standpunkte

Die Friedenskirche Stuttgart hatte anlässlich ihrer Sommerpredigtreihe für den 27. Juli Prof. Dr. Ernst Ulrich Freiherr von Weizsäcker eingeladen. Der renommierte Naturwissenschaftler sprach über das Thema: "So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!" (Matthäus 22,21b) und adressierte dieses Jesuswort an die Kapitalmärkte: "Erlaubt dem Staat, Regeln zu setzen, die Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit stützen".

Weizsäcker stellt fest, dass Jesus damals Toleranz gegenüber dem Staat gefordert habe, dass wir aber heute die Arroganz und Dominanz der Finanzmärkte überwinden müssten, die den Staat und die Staatengemeinschaft daran hindern, der sozialen und ökologischen Verpflichtung nachzukommen. „Sie geben dem Staat nicht, was des Staates ist“, so Weizsäcker. Bis zur Wende hätten sich die Finanzmärkte mit dem Staat arrangieren müssen, weil der Kommunismus das schlimmere Übel war. Aber heute seien die Ökonomieprofessoren die Priesterschaft, „sofern sie nur die Heilsbotschaft des freien, deregulierten Marktes verkündeten“. Er beklagt, dass z.B. der führende Vertreter der klassischen Nationalökonomie David Ricardo (1772-1823) fälschlich so zitiert werde, als sei jeglicher Handel über Grenzen gut für alle, obwohl es für diesen klar gewesen sei, dass das nur für Güter galt, nicht etwa für Kapital. Weizsäcker hofft deshalb darauf, dass eine neue Aufklärung solche Fehlinterpretationen erkennt und entlarvt, die tragende Säulen des Dogmas von der segensreichen Wirkung der Märkte und des schrankenlosen Wettbewerbs sind.

Nach dem Gottesdienst hatte der Arbeitskreis den ehemaligen SPD Bundestagsabgeordneten (1998 bis 2005) zu einem schwäbischen Mittagessen eingeladen. Hier hielt er – in Anlehnung an Luthers „Tischreden“ – ein Impulsreferat zum Thema "Wie viel Wachstum brauchen wir noch?". Der Co-Präsident des „Club of Rome“ und Ehrenratsmitglied des "Wolrd Future Council“ zählt zu den Pionieren nachhaltigen Wirtschaftens. Er ist Gegner des unendlichen Wachstums, das von der Wirtschaft immer als einziger Weg gegen Arbeitsplatzabbau gefordert werde. Weizsäcker macht aber klar: „Wenn alle Menschen auf dem Standard leben wollten wie wir, bräuchten wir drei Erdbälle.“ In seinem Buch „Faktor Fünf“ weist er nach, dass die Entkoppelung vom Wohlstandswachstum und Ressourcen- und Naturverbrauch möglich ist. Mit Bezug auf die Predigt vom Vormittag meinte er, dass zu dem, was wir persönlich Gott geben sollen, auch der Einsatz für Klima- und Naturschutz gehöre. Deutschland könne Pionier bei der Erhöhung der Arbeits- und Ressourcenproduktivität sein, so wie Japan es in den 1980er Jahren vorgemacht habe: Damals hatte es aus einer Kilowattstunde doppelt so viel herausgeholt wie Deutschland und dreimal mehr als die USA. China mache heute vor, dass man Energie immer gerade so viel verteuern könne, wie deren Effizienzsteigerung ausmache, und Südafrika habe mit dem „Lifeline-Tarif“ vorgemacht, wie man auch soziale Härten abfedern könne. Momentan werde so etwas jedoch vom EU-Wettbewerbskommissar gebremst. Die SPD könnte daher punkten mit einem Konzept für ökologisches Wachstum und gute Arbeitsplätze. Da die hohe Politik offensichtlich mit dieser Erkenntnis noch nicht so weit sei, müsse hier die Basis helfen. Er halte es mit Kurt Marti und habe „Hoffnung trotz allem, trotzige Hoffnung“.

Stephan Fischer

 

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