Blumhardt und die Politik neue Regionalgruppe Esslingen Göppingen gegründet

Veröffentlicht am 18.05.2015 in Allgemein

Bisher gab es im Südwesten vier regionale Gruppen. Am 13. Februar 2015 wurde im Kirchheimer Steingauzentrum die fünfte, die Gruppe Esslingen-Göppingen gegründet. Eingeladen hatte Helmut Staiger zum Thema "Blumhardt und die Politik". Für Staiger war Pfarrer Christoph Friedrich Blumhardt, der einst mit seinem Vater in Bad Boll wirkte, die geistliche Grundlage in die SPD einzutreten.

Den Abend begann Staiger mit einem Interview mit Angela Madaus, AKC-Sprecherin auf Landesebene: „Wir verstehen uns als Salz in der Suppe der SPD und legen den Finger in alle Wunden“, sagte sie zum ökumenischen Arbeitskreis, in dem auch Nichtmitglieder willkommen sind. Der AKC hat zuletzt eine Resolution zur Friedenspolitik verabschiedet und sich mit dem umstrittenen TTIP-Abkommen und der Sterbehilfe auseinandergesetzt. „Ich bin vorderösterreichisch geprägt“, sagt Madaus. Sie wuchs in der Nähe von Biberach streng katholisch auf. „Meine Großmutter hat mit mir Rosenkränze gegen die gelbe Gefahr, also die Chinesen, gebetet.“ Zur SPD fand die pensionierte Geschichtslehrerin und Kirchengemeinderätin durch Willy Brandt. Heute lebt sie im pietistisch geprägten Walddorfhäslach, dort staunte sie anfangs über die fromme Ablehnung der Fasnet. Sie engagiert sich auch im Landesvorstand der „AG 60 plus“ der SPD.

Referent zum Thema war Prälat i.R. Paul Dieterich aus Weilheim. Der Blumhardt-Experte hat seine Blumhardt-Begeisterung vom Vater übernommen. Er berichtet, dass Blumhardt der Jüngere, geboren 1842 als Pfarrsohn in Möttlingen, heute Ortsteil von Bad Liebenzell, ständig in der Familie von kranken und behinderten Menschen umgeben war, die Neuanfang und Heilung suchten. „Er hat die leidende Menschheit von Anfang an erlebt“, sagte Dieterich. „Er hat gelernt, es gibt keinen unsichtbaren Gott. Er rechnete mit einem Gott, der hier auf der Erde ist und etwas tut.“ Gegenüber denen, die der Welt entfliehen wollten, war Blumhardt kritisch.

Der Vater holte ihn als Hilfe nach Bad Boll, wo er viele Jahre ohne Karriereambitionen diente. Als aber einer Bad Boll ein „evangelisches Lourdes“ nannte, konnte er das gar nicht leiden. Blumhardt war überzeugt: Gott wird nicht nur die Menschen, sondern einmal die ganze Kreatur erlösen, die ganze Gesellschaft: Das Kastenwesen und die Knechtschaft des Kapitals, Nationalismus und Militarismus und vieles mehr. Blumhardt war weltoffen: Er war mit Pfarrer Kneipp befreundet und dem Vegetarismus nahe, ohne daraus eine Heilslehre zu machen. Er hatte große Freude an der Kunst und betonte, dass diese frei sein müsse.

Prälat Dieterich berichtete, dass Blumhardt im Juni 1899 eine Protestversammlung der SPD gegen die Zuchthausvorlage besuchte und sich mit streikenden Arbeitern solidarisch erklärte, denen Gefängnis drohte „Jesus sei auch ein Proletarier gewesen, mit zwölf Proletariern als Jüngern.“ habe Blumhardt gesagt. Dieterich weiß von Blumhardts Besuch einer Versammlung zur miserablen Lage der fabrikarbeitenden Frauen. Die lokale Zeitung reagierte mit einer Sonderausgabe zu „Pfarrer Blumhardts Bekenntnis zur Sozialdemokratie“. Alle dachten, er sei Mitglied, was gar nicht stimmte, doch er trat später tatsächlich ein. Die Arbeiter machten ihn zu ihrem Kandidaten, sechs Jahre saß er im Landtag. Sein Engagement missfiel der Kirche. Ob ihm der Pfarrtitel entzogen wurde oder ob er ihn unter Druck selbst abgelegt hat, ist laut Dieterich nicht ganz klar. „Man hat ihn nie zum Gespräch gebeten, aber sich von ihm distanziert.“ Doch trotz Kritik blieb Blumhardt der Kirche treu. Das galt auch für die SPD, obwohl sein Verhältnis zu ihr ab 1904/1905 gespannter wurde. In den Reichstag wollte er nicht, er wirkte wieder in Bad Boll.

Blumhardt, der Mann der Kirche und der SPD, ist für Dieterich „eine wahnsinnige Herausforderung“. Was diese heute bedeute, „während die Reichen immer reicher und das Mittelmeer zum Massengrab“ werde, das wollte Dieterich nicht so einfach sagen. Dies solle jeder selbst herausfinden, am besten ein ganzes Leben lang.

 

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